Aus der Geschichte des Vereins

90 Jahre im Bestehen eines Vereins sind eine lange Zeit und voll von Ereignissen. Es ist leider nicht möglich eingehend darüber zu berichten, aber bemerkenswert soll aus der Vergangenheit zurückgeholt werden, weil es zugleich die örtlichen und allgemeinen Zeitverhältnisse beleuchtet.

Im Gasthaus „Hasen“ in Sulgau trafen am 1. Mai 1922 einige Radsportbegeisterte zusammen und riefen den „Radfahrer-Verein Edelweiß Sulgen-Sulgau“ ins Leben. Zum ersten Vorsitzenden wurde Otto Herzog gewählt, der sich gleich durch Tatkraft und Engagement auszeichnete. Im Herbst des Gründungsjahres wurde der Vereinsbanner geweiht, das in restauriertem Zustand noch heute bei Korso- und Festveranstaltungen zum Einsatz kommt.

Korso und Rennfahren waren die ersten Betätigungsfelder, im zweiten Jahr kam eine Reigenmannschaft dazu. Sportlich war der junge Verein stets auf der Höhe, wirtschaftlich sah die Sache nicht ganz so rosig aus.

RVE Gesamtverein 1925Mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 stabilisierte sich die Lage auch auf Vereinsebene. Man pflegte auf zahlreichen Ausfahrten die Kameradschaft mit den Nachbarvereinen und hatte bald einen guten Namen in Radsportkreisen. Bereits 1925 wurde dem mächtig aufstrebenden Verein das Bezirksfest übertragen, bei dem Schultheiß Wilhelm Kammerer (Sulgau) die Festpräsidentschaft übernahm. Ob auch Sulgens Schultheiß David Deiber dem Fest beiwohnte, ist nicht aufgezeichnet worden.

Das Jahr 1926, in dem Franz Fehrenbacher die Vereinsführung inne hatte, ging nicht nur als Gründungsjahr der Radlermusik, sondern auch als Jahr der ersten größeren sportlichen Erfolge in die Vereinsgeschichte ein. 1927 übernahm Otto Wößner die Vorstandschaft. In dieser Zeit nahm der Radball im Verein seinen Anfang. Die Radlermusik war sehr engagiert und spielte bei Theateraufführungen und Radfahrerfesten, wie auch bei der Gründung des Radfahrerverein Beffendorf, bei dem der RV „Edelweiß“ die Patenschaft übernahm.

Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit führten Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre zu einer wahren Auswanderungswelle. Auch mehrere „Edelweiß“-Mitglieder erhofften sich in Amerika ein neues Glück und hinterließen im Verein empfindliche Lücken. Mündlichen Überlieferungen zufolge soll auch die Vereinskasse den Weg über den „Großen Teich“ gefunden haben. Die Vereinstätigkeit mußte zwangsläufig eingeschränkt werden, und es war in erster Linie dem seit 1930 amtierenden Vorstand Josef Laufer zu verdanken, daß der RV „Edelweiß“ in jenen schwierigen Zeiten nicht unterging.

Im Zuge der allgemeinen Auflösung sämtlicher Organisationen, im Jahre 1933, wurde auch der RV „Edelweiß“ in den Reichsbund für Leibesübungen übernommen, doch änderte dies nichts an der gewohnten Vereinsarbeit. Durch die Trainingsmöglichkeit in der alten Turnhalle erhielt der Saalsport 1934 einen beachtlichen Aufschwung, was sich in zahlreichen Siegen und Preisen niederschlug. Im selben Jahr übernahm Lorenz Mauch die Vereinsführung. Höhepunkt seiner Amtszeit war das Jugendradsportfest, das im olympischen Jahr 1936 in Sulgen stattfand und bei dem der eigene Nachwuchs überaus gut abschnitt.

1937 wurde Anselm Lamprecht Nachfolger von Lorenz Mauch. Sein rastloses Schaffen führte den Verein zu einer neuen Blütezeit. Im Saalsport, insbesondere im Radball wurden schöne Erfolge erzielt. Im großen Stil beteiligten sich „Edelweiß“-Sportler an Wanderfahrten. Eugen Trost und Walter Friedrich erhielten das „Eichenblatt für Wanderfahrten“, die höchste Tourensport-Auszeichnung des Bund Deutscher Radfahrer, weil jeder über 4000 Kilometer im Jahr zurückgelegt hatte. Auch im Radrennen waren diese beiden Fahrer erfolgreich. 1939 belegten sie die ersten beiden Plätze in der Bezirksmeisterschaft, was zur Teilnahme an den Württembergischen Meisterschaften auf der Solitude berechtigte. 1940 erzielte Reinhard Roth den Bezirksmeistertitel,und in der Bezirksklasse im Jugend-Radball erzielten „Edelweiß“-Mannschaften die ersten fünf Plätze.

Bis 1942 war der RV „Edelweiß“ noch aktiv, als dann aber zwei Drittel der Mitglieder zum Kriegsdienst eingezogen waren, kam der Verein zum Erliegen. Einundzwanzig Vereinskameraden kehrten von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges nicht mehr zurück.

Der Wiederaufbau nach dem Kriege war alles andere als leicht, es fehlte sowohl an personeller, technischer als auch finanzieller Ausstattung. Doch Josef Laufer und Anselm Lamprecht scheuten weder Zeit noch Mühen, um den Verein aus dem vermeintlichen unüberwindlichen Tal herauszuführen.

Laut Bestimmung der Besatzungsmacht durfte pro Ortschaft nur ein Sportverein bestehen. So wurde in Sulgen der Großverein für Leibesübungen ins Leben gerufen, in dem der RV „Edelweiß“ die Sparte Radfahren vertrat. Josef Laufer fungierte als Spartenleiter. Es gelang mit Mühen und Hindernissen, Radball- und Reigenmaschinen wieder funktionstüchtig zu machen oder zu erneuern, damit der Trainingsbetrieb wieder zur vollen Entfaltung kommen konnte. Neben den neugebildeten Radballmannschaften stellte Saalsportwart Paul Keck Damen- und Herrenreigen zusammen. Auch die Radlermusik begann wieder zu proben.

Im Zuge der Auflösung des Großvereins wurde der „Radfahrerverein Edelweiß Sulgen“ am 24. März 1950 wiedergegründet. Am 30. Juli war man schon wieder Ausrichter des Bezirksfestes, in dessen Rahmen auch das Bezirksradrennen stattfand. Beim Festbankett traten die neugebildeten Damen- und Herrenreigen erstmals an die Öffentlichkeit und zeigten beachtliche Leistungen. Am Festzug beteiligten sich 17 Gastvereine. Überraschung des Tages war aber die Ehrenrunde der bekannten Rennfahrer Pfannenmüller/Nürnberg und Heinz Müller/Schwenningen, dem späteren Weltmeister, im Renn-Rahmenprogramm.

Anfangs der fünfziger Jahre beteiligte sich der RV „Edelweiß“ an zahlreichen Festen. Besonders die Festtage der Bannerweihe am 2./3. Juni 1951 in Waldmössingen, wobei der Verein wiederum die Patenschaft übernommen hatte, blieben für alle Beteiligten lange Zeit in bester Erinnerung.

RVE Gesamtverein 1962Infolge von Erkrankung von Vorstand Lamprecht wurde Eugen Trost am 6. Januar 1952 zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er sollte sein Amt siebenundzwanzig Jahre lang behalten. Am 21./22. Juni des selben Jahres feierte der RV „Edelweiß“ sein 30-jähriges Bestehen mit Rennen und Korso. Ein Höhepunkt war der Auftritt des späteren Weltmeisters und Bundestrainer im Kunstradfahren, Heinz Pfeiffer und seiner Gattin.

RVE ReigenRadpolo 1952Mit der Ära Trost begann auch eine Zeit sportlicher Höhenflüge. Die Radballer Alfons Laufer/Anton Weiß nahmen wiederholt an Deutschen Meisterschaften teil, Waltraud Wirthle/Elfriede Grimm gewannen im Radpolo auf Anhieb den württembergischen Meistertitel, und der Sechser-Damenreigen wurde schon bald landesweit zu einer festen Größe. Heinz Lieblein erzielte im Radrennen immer wieder Spitzenplätze.

 Sulgens Radballmannschaften etablierten sich in vorderen Spielklassen, bis hin zur Oberliga, bei den internationalen Bodensee – Pokalturnieren erreichten sie regelmäßig Top-Ergebnisse. Man richtete Meisterschaften und Festveranstaltungen aus, so beispielweise 1956 das Kreisfest mit Straßenrennen und Korso. 1957 wurde der RV „Edelweiß“ ins Vereinsregister eingetragen.

Ein Höhepunkt war auch das internationale Radballturnier in der neuen Festhalle, im Jahre 1959, das unter anderem die Weltmeister Karl & Oskar Buchholz aus Lauterbach, die Vizeweltmeister Schneider/Schwäbe aus Leipzig und die Gebrüder Oberhänsli aus der Schweiz, die im darauffolgenden Jahr Weltmeister wurden, am Start sah. RVE Radball 1972

Vom 9. bis 12. Juni 1972 feierte der RV „Edelweiß“ sein 50-jähriges Vereinsjubiläum, in dessen Rahmen die Württembergische Meisterschaft im Einer-Straßenfahren und ein großer Korso stattfand. Beim Festbankett gab der Weltmeister im Kunstfahren, Manfred Maute aus Tailfingen eine Kostprobe seines Könnens, Stargast beim Bunten Abend war die Mainzer Rosenmontagskönigin Margit Sponheimer.

Die Reihe der sportlichen Erfolge setzte sich auch in den siebziger Jahren fort, als Beispiel sei hier nur der 3. Platz von Rennfahrer Jürgen Eisele bei der Deutschen Meisterschaft im Jahre 1977 erwähnt. Gartenfest und Radrennen wurden zu Traditionsveranstaltungen. Am 6. Januar 1979 löste Alfons Laufer Eugen Trost im Amt des 1. Vorsitzenden ab. Eugen Trost wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt und blieb in verschiedenen Funktionen auf Kreis-, Bezirk-, Landes und Bundesebene weiterhin aktiv. Für seine Verdienste wurden ihm im Laufe der Jahre höchste Ehrungen zu teil. So ist er unter anderem Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Ehrenrings des Landessportbundes.

Alfons Laufer führte indes den Verein zu noch weiteren Höhen. Insbesondere die Radlermusik erfuhr in seiner Amtszeit neue Förderung, aber auch in sportlicher Hinsicht drückte er dem Verein seinen Stempel auf. Auf Veranstaltungsseite dürften das Profi-Radrennen im Jahre 1983, bei dem Stars wie Didi Thurau, Gregor Braun, Rudi Pevenage, Danny Clark oder der Sieger Werner Betz am Start waren, sowie das Kreis- und Bezirksfest vom 5. bis 8. Juli 1985 mit zwei Radrennen und dem größten Korso, den Sulgen bis dahin sah, herausragen. Auch Geselligkeit und Kameradschaft waren stets ein wichtiges Anliegen von Alfons Laufer. Unvergessen sind die von ihm initiierten Weihnachtsfeiern mit Musik, Tombola und Theateraufführung. RVE Hans-Dieter Rapp 1980

Hans-Dieter Rapp wurde 1980 zweiter der Deutschen Meisterschaft im Straßen-Radrennen, Ingrid Laufer/Claudia Müller sowie Doris Laufer/Christina Pfaff errangen mehrere Württembergische Meistertitel im Radpolo und knüpften somit an alte Traditionen an. Rainer Kopp errang 1984 die Württembergische Meisterschaft im Einer-Straßenfahren, das Tandem Eugen Müller/Frank Höfle belegte 1987 den dritten Rang bei der Tour de France. Der bislang letzte „Champion“ des RV „Edelweiß“ heißt Gianni Crisante, er wurde 1990 Württembergischer Seniorenmeister.

Nachdem die Leistungsträger im Radball nach und nach ihre aktive Laufbahn beendet hatten, drohte diese Sparte in die Versenkung zu verschwinden. Basierend auf der von Ex-„Edelweiß“-Spieler, Sportlehrer Paul Trost an der Hauptschule geschaffene Radball-AG, konnten Alfons und Bruno Laufer jedoch eine neue Nachwuchstruppe aufbauen, die den Grundstock für die heute wieder blühende Radball-Abteilung bildete.

RVE Radlermusik 1989Am 6. Januar 1993 trat Alfons Laufer vom Vorstandsposten zurück. Obwohl dieser Schritt lange angekündigt war, gelang es zunächst nicht einen Nachfolger zu finden, weshalb der zweite Vorsitzende Herbert Oehler für eine Übergangszeit die Vereinsgeschicke leitete.

In der außerordentlichen Generalversammlung am 28. Mai 1993 wurde Walter Irion mit großer Mehrheit zum ersten Vorsitzenden gewählt. Das 75-jährige Vereinsjubiläum hat er als eines seiner Hauptanliegen auserkoren.